Montag, 10. Dezember 2012

Lukiomesse und Sprachkurs in Turku

So, es gibt sehr sehr viel zu berichten!
Am Wochenende (1.12. und 2.12.) war der Turkusprachkurs von YFU und somit meine erste "grosse" Fahrt alleine in Finnland. Ich war das erste mal von meiner Gastfamilie fuer ein paar Tage getrennt.
Als ich Freitag frueh zur Schule gegangen bin, hat sich das genauso angefuehlt, wie wenn ich in Deutschland auf Reisen gehe und ein paar Tage nicht zu Hause bin. Es war schon komisch irgendwie, aber ich habe mich natuerlich auch total gefreut!

Aber erst mal war die Lukiomesse in der Schule, oder auf Deutsch: Tag der offenen Tuer. Es herrschte eine aufgeregt angespannte Stimmung in meiner kleinen Schule, alle liefen umher, hatten noch etwas zu erledigen... ich war in der "internationalen Gruppe" (glaub ich zumindest). Ich sollte ein bisschen ueber mich und YFU und die Erlebnisse als Austauschschueler erzählen.
Dann war es soweit und die ganzen Neuntklässler von den umliegenden Gemeinden kamen ins Lukio. Erstmal versammelten sich alle in der Sporthalle, wo sich die Lehrer und die Schulsprecher vorstellten. Meine Freundin spielte Klavier und ein paar andere Schueler spielten einen Sketch vor. Dann wurden die Neuntklässler in Gruppen eingeteilt und von uns durchs Haus gefuehrt.
In unserer "Internationalen Gruppe" erzählte erst eine Abiturientin ueber die gemeinsame Klassenfahrt nach Strassburg und Paris letztes Jahr. Dann erzählte ein Zweitklässer (oder elfte Klasse in Deutschland) ueber die bevorstehende Klassenfahrt nach Slovenien. Schliesslich erzählte eine Klassenkameradin von mir ueber ihr bevorstehendes Auslandsjahr, das sie höchstwahrscheinlich in Österreich verbringen wird und ich war die letzte. Ich begruesste die Neuntklässler erstmal auf Deutsch und erzählte dann, warum ich ein Auslandsjahr machen wollte, warum Finnland, was ich daran so toll finde und ich zeigte ein paar Bilder von Berlin.
Ich war eigentlich gar nicht so aufgeregt, doch immer, wenn ich vor die Gruppe getreten bin, haben mich alle angestarrt und es herrschte eine Totenstille im Raum (typisch finnisch). Da ich keinen Zettel hatte von dem ich ablesen konnte und mir immer wieder neue Sätze zusammenbastelte, kam es schon ein paar Mal vor, dass ich nur dastand und "äähm..." machte und nicht wusste, was ich sagen sollte.
An sich hat die Sache total Spass gemacht, das Dumme war nur, dass wir das Ganze acht mal druchkauen mussten. Schon nach dem dritten Mal waren die Vorträge der anderen langweilig... doch schliesslich war die letzte Gruppe aus dem Raum und ich merkte, wie auch von den anderen die Anspannung abfiel, so hatten sie doch viel ruhiger und entspannter als ich gewirkt. Alle redeten durcheinander und lachten... und es war wie eine ganz normale Situation in Deutschland.
Doch viel Zeit hatte ich nicht, denn direkt nach der Schule brachten mich meine Brueder nach Ylivieska, von wo aus ich mit dem Zug nach Turku fahren sollte. Ich verabschiedete mich von meiner Schwester, und sie meinte: "Ich vermisse dich jetzt schon! Die erste Nacht ohne dich!"

In Ylivieska hatten wir dann allerdings noch zwei Stunden Zeit. Wir gingen in ein grosses Kaufhaus und ich wollte eigentlich nach Weihnachtsgeschenken gucken, war aber so angetan vom Guiness Buch der Rekorde 2013, dass ich die Zeit total vergass und die ganzen zwei Stunden darin las. Irgendwann hörte ich dann meinen Namen und mein Bruder kam angerannt: "Hey, wir muessen los, sonst verpasst du deinen Zug! Wir haben dich schon so oft angerufen!" Oh nein! Nicht schon wieder... und ich hatte doch versprochen, auf mein Handy zu schauen! Denn ich bin hier schon bekannt dafuer, dass ich mal gerne vergesse, mein Handy an oder dabei zu haben. Das ist fuer Finnen eine Horrorvorstellung.

Aber am Ende habe ich den Zug noch bekommen, er hatte nämlich Verspätung! Im Zug sass dann auch wie verabredet eine Mexikanerin (auch YFU Austauschschuelerin) aus Oulu, mit der ich zusammen nach Turku fuhr. Es war irgendwie total erleichternd, mit ihr zu reden, denn wir plapperten die ganze Zeit, leider nur auf Englisch. Es ist doch immer so anders mit anderen Austauschschuelern zu reden als mit "normalen" Leuten. Ich kann dieses Gefuehl nicht beschreiben... man vertraut dem anderen einfach auf den ersten Blick.
Allerdings wurde unser Gespräch unterbrochen, als uns mitgeteilt wurde, dass im Sueden ein mächtiger Schneesturm ist und wir ein bis zwei Stunden Verspätung haben und unseren Anschlusszug in Tampere verpassen werden. Ach du... und was jetzt? Da sitzen wir dann in Finnland irgendwo auf einem (Achtung: finnischen) Bahnhof und kommen nicht weg. Ich hatte echt Herzklopfen! Wir schmiedeten schon Notfallpläne und riefen alle möglichen Leute an (wir sprachen mit dem Schaffner und meinten: "Wir wollen nach Turku, bekommen unseren Anschlusszug aber nicht. Was sollen wir machen?" Er: "Fahrt doch nach Helsinki durch! Warum wollt ihr nicht nach Helsinki, das ist die schönste Stadt in Finnland!" und ich wusste sofort: das hier ist kein Finne! Und tatsächlich, als wir dann sagten, dass wir Austauschschueler sind, erzählte er, dass er aus Holland kommt, Deutsch und Spanisch gelernt hat und jetzt in Finnland Schaffner ist... ich dachte mir: tja, das ist das Leben!), doch zum Glueck hatte unser Anschlusszug auch Verspätung und wir kamen heil in Turku an, mitten in der nacht um eins. Neun oder zehn Stunden hatten wir im Zug gesessen und geredet!
Doch dann hatten wir das nächste Problem: wie kommen wir zu unserem Schlafplatz? Es schneite, es war kalt und wir hatten nur die Adresse. Doch wir sind ja nicht dumm, riefen ein Taxi (der Taxifahrer verfuhr sich erstmal...) und kamen zum Schluss wirklich heil und zufrieden und erschöpft an. Ben wartete schon und war echt froh, auch endlich ins Bett gehen zu können. Er war schon Donnerstag angekommen und war wachgeblieben bis wir ankamen. Wir tranken einen heissen Tee, redeten noch kurz mit dem Mann von der Frau, bei der wir schliefen und gingen dann ENDLICH ins Bett.

Am Morgen mussten wir um acht aufstehen, assen Fruehstueck und redeten mit der Frau, die ein Jahr mit YFU in Texas war. Es war total interessant als sie uns von ihren eigenen Erfahrungen erzählte (obwohl sie eine sehr dominante Person war...). Eigentlich ist die Familie schwedisch und gehört zu der schwedischen Minderheit hier in Finnland. Zu Hause wird nur Schwedisch gesprochen, aber natuerlich können sie auch Finnisch. "Meine Kinder hassen Finnisch" meinte die Frau, ich denke, es gibt auch tolerantere Schweden hier in Finnland... :)

Sie brachte uns zum Bahnhof, wo wir uns alle trafen und die Freude war echt gross, alle wiederzusehen. Wir machten erst eine kleine Stadtwanderung, wobei wir eigentlich nur erzählten und erzählten und erzählten. Es war SOOO schön, mal wieder unaufhörlich zu plappern und sich auf "sicherem" Gebiet zu befinden. Denn noch habe ich deutsche Angewohnheiten und die deutsche Sichtweise. Noch kommen mir die Finnen manchmal ein bisschen anders und fremd vor, aber das ist vollkommen normal.

Schliesslich besichtigten wir die Burg Turku (in deren Räumen nichts war, ausser vielleicht eine grosse Holztruhe oder eine Holzbank). Ich muss ehrlich sagen, dass ich bei der Fuehrung nicht so richtig zugehört habe. Jedenfalls war die Burg Turku mal ein Gefängis, aber auch eine Art Wohnort.

 
Dann gingen wir zum Weihnachtsmarkt, hielten uns aber nicht lange dort auf, weil es so kalt war! Es gab die gleichen Stände, wie auf Berliner Weihnachtsmärkten auch: gebrannte Mandeln und Glögi, Wuerstchen, gestrickte Socken, kleine Weihnachtsdekorationen, Kerzen...
 

                                   
 

Auf dem Weihnachtsmarkt waren auch zwei Männer,
die so eine Art Show gemacht haben und mit Feuerfackeln
jongliert haben. 

Dann stellten wir uns vor die Kirche, die gleich in der Nähe war und warteten, dass der grosse Weihnachtsbaum "angezuendet" wird. Es war so kalt und als dann endlich die Lichterketten angemacht wurden, haben wir nur kurz gestaunt, sind dann aber sofort reingegangen, wo es Glögi und Kekse gab und wir den ganzen Abend Zeit hatten, zu reden.

Meine Schwester hat mir mal von den Samen erzählt, der finnischen
Urbevölkerung und sie meinte, die haben Muetzen mit vier Zacken.
Vielleicht trägt der kleine Junge hier ja diese Muetze...



 


Darauf haben wir gewartet...
dafuer sind wir krank geworden... ;)
 
Als dann alle gegangen waren und wir von der einen YFUlerin zur Bushaltestelle begleitet wurden (es war dann doch gar nicht mehr so kalt), hatten wir die Idee, dass wir ja noch ein bisschen in Turku rumlaufen könnten, jetzt, wo wir die Gelegenheit haben. Denn unsere Hostperson meinte einfach nur: kommt dann irgendwann am Abend wieder nach Hause, die Busnummern geb ich euch. Also sind wir mit der YFUlerin noch durch einen Park und die Shoppingmeile entlangspaziert, ehe es dann wirklich kalt wurde und wir (mit einigen Schwierigkeiten und Bens Hilfe) nach Hause fuhren. Dort gab es lecker Essen und wir unterhielten uns noch eine ganze Weile mit der Schwedin. Doch irgendwann wurden wir alle muede und gingen ins Bett. Viel Schlaf hatten wir in dieser Nach wieder nicht, dafuer aber die Gelegenheit, so lange zu reden wie wir wollten.
 
Das Zentrum: ein grosser Marktplatz und
drum herum stehen grosse Einlaufshallen.

Die Shoppingmeilen erkennt man immer daran, dass sie beleuchete sind.

Das Weihnachtsfenster...
 

...kennen wir in Berlin doch auch, oder?


Am nächsten Morgen fuhr uns die Hostperson wieder zum YFU Treffpunkt, wo nun endlich der Sprachkurs stattfinden sollte, der Grund weswegen wir in Turku waren.
An sich war der Sprachkurs ganz okay. Erst wurden wir in drei Gruppen eingeteilt: die schlechten, die mittleren und die guten (wobei ich keinen als schlecht bezeichnen will!). In den Gruppen haben wir dann Spiele gespielt und geredet. Dann gab es Pizza und schliesslich konnten wir selbst entscheiden, in welche Gruppe wir gehen wollten, denn jeder YFUler hat sich eine grammatische Sache genommen und sie erklärt. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht so viel gelernt habe, fuer mich war eigentlich das Wichtigste, mit den anderen Austauschschuelern zu reden und Erfahrungen auszutauschen oder einfach nur Spass zu haben. Nach dem Sprachkurs war dann auch das YFU Programm zu Ende und wir sind zum Bahnhof gegangen, wo wir uns beeilen mussten, um unseren Zug zu bekommen. Ich fuhr wieder mit der Mexikanerin und diesmal hatten wir nur 20min Verspätung! Da wir schon wieder so spät ankamen, hatten wir ausgemacht, dass ich bei der Mexikanerin uebernachte, damit mich keiner mitten in der Nacht aus Oulu abholen musste.
Am nächsten Tag bin ich mit der Gastmutter von der Mexikanerin nach Oulu gefahren, der Mexikanerin selber ging es nicht so gut, deshalb ist sie zu Hause geblieben. Und den ganzen Montag habe ich eigentlich nur in Oulu bei McDonalds und in der Buecherhandlung gewartet, weil ich krank war und nicht wirklich Lust auf Weihnachtsshopping hatte.
Dann am Nachmittag kam mein Bruder und hat mich abgeholt und ENDLICH war ich zu Hause... nach einem anstrengenden und aufregenden Wochenende.
Doch die Ereignisse gingen weiter, doch im nächsten Eintrag mehr dazu! Jetzt hattet ihr erstmal genug zum Lesen!



Kommentare:

  1. Also, ersteinmal JA das war ganz schön viel zu lesen, wie kannst du nur immer so viel schreiben??
    Ich könnte das nie, aber ja Turku war echt toll und jetzt kommt Tallin und da darfst du dann auch wieder so viel schreiben ;)
    Bis dahin liebe Gruesse vom Norden
    Ben

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  2. Mensch, das ist ja stockdunkel, trotz der netten Lichtlein. Also, danach, dass Turku mal mehrere Jahrhunderte wichtigste Stadt Finnlands war, sehen die Fotos echt nicht aus, aber immerhin, ein paar Häuser sind zu sehen ... Am Besten hat mir die Geschichte mit dem Schaffner gefallen. Wozu sich also Gedanken machen, wohin das Leben führt? - wir kommen ja eh nicht drauf! ;-)

    Ich bin schon gespannt auf die nächsten Ereignisse! Alles Liebe von Mama

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  3. Was Du schreibst - ich bin immer gespannt auf die Fortsetzungen. Diese Kostprobe von Deinen Erlebnissen war sehr locker geschrieben. Über den Schaffner habe ich gelacht, weil es ja eine so schöne Geschichte ist. Deine Fotos unterstreichen Deine Schilderung. Nun bin ich schon sehr gespannt auf Tallinn. Diese Stadt soll sehr beeindruckend sein. Hoffentlich habt Ihr dort Zeit zum Verweilen, Gucken und Geniessen.
    Beste Grüsse , fröhliche Weihnachten, gute Gesundheit und einen schwungvollen Rutsch ins Jahr 2013, IMO

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